Der Ein­tritt des Rechts­schutz­falls und die Vorvertraglichkeit

Begehrt der Ver­si­che­rungs­neh­mer einer Rechts­schutz­ver­si­che­rung Deckungs­schutz für die Ver­fol­gung eige­ner Ansprü­che („Aktiv­pro­zess“), rich­tet sich die Fest­le­gung des ver­stoß­ab­hän­gi­gen Rechts­schutz­fal­les i.S. von § 4 (1) Satz 1 Buchst. c)) ARB 2004 allein nach der von ihm behaup­te­ten Pflicht­ver­let­zung sei­nes Anspruchs­geg­ners, auf die er sei­nen Anspruch stützt [1].

Macht der Ver­si­che­rungs­neh­mer einer Rechts­schutz­ver­si­che­rung gel­tend, er kön­ne dem Abschluss eines Lebens­ver­si­che­rungs­ver­tra­ges infol­ge unzu­rei­chen­der Ver­trags­in­for­ma­tio­nen noch Jah­re spä­ter wider­spre­chen und dar­aus Ansprü­che gegen sei­nen Lebens­ver­si­che­rer her­lei­ten, liegt des­sen maß­geb­li­cher Ver­stoß im Sin­ne von § 4 (1) Satz 1 Buchst. c) ARB 2004 in der Wei­ge­rung, das Wider­spruchs­recht anzu­er­ken­nen, und nicht in der behaup­te­ten man­geln­den Infor­ma­ti­on bei Vertragsschluss.

Die Rechts­schutz­ver­si­che­rung ist damit nach den §§ 1, 2 Buchst. d)), 4 (1) Satz 1 Buchst. c) ARB 2004 ver­trag­lich ver­pflich­tet, den begehr­ten Deckungs­schutz zu gewähren.

Der Vor­ver­trags­ein­wand der Rechts­schutz­ver­si­che­rung greift nicht durch. Wie der Bun­des­ge­richts­hof im Urteil vom 28.09.2005 [2] und dem Hin­weis­be­schluss vom 17.10.2007 [3] dar­ge­legt hat, ist für die Fest­le­gung der dem Ver­trags­part­ner des Ver­si­che­rungs­neh­mers vor­ge­wor­fe­nen Pflicht­ver­let­zung der Tat­sa­chen­vor­trag ent­schei­dend, mit dem der Ver­si­che­rungs­neh­mer den Ver­stoß begrün­det. Als frü­hest­mög­li­cher Zeit­punkt kommt dabei das dem Anspruchs­geg­ner vor­ge­wor­fe­ne pflicht­wid­ri­ge Ver­hal­ten in Betracht, aus dem der Ver­si­che­rungs­neh­mer sei­nen Anspruch her­lei­tet [4].

Das ist hier die Wei­ge­rung des Lebens­ver­si­che­rers, das Wider­spruchs­recht des Ver­si­che­rungs­neh­mers anzu­er­ken­nen und ihm die ver­lang­te Dif­fe­renz aus Prä­mi­en­zah­lung und Rück­kaufs­wert zurück­zu­zah­len. Zwar hat der Ver­si­che­rungs­neh­mer wor­auf die Revi­si­ons­er­wi­de­rung hin­weist in sei­nem an die Rechts­schutz­ver­si­che­rung gerich­te­ten Deckungs­ver­lan­gen gel­tend gemacht, er selbst habe den Ver­si­che­rungs­fall mit der Aus­übung des Wider­spruchs­rechts gegen den bereits abge­wi­ckel­ten Lebens­ver­si­che­rungs­ver­trag aus­ge­löst; das ist aber schon des­halb nicht rich­tig, weil der Ver­si­che­rungs­neh­mer sei­nen Anspruch auf Prä­mi­en­rück­zah­lung nicht auf eige­nes pflicht­wid­ri­ges Ver­hal­ten im Sin­ne von § 4 (1) Satz 1 Buchst. c) ARB 2004, son­dern eine Pflicht­ver­let­zung des Lebens­ver­si­che­rers stüt­zen kann [5].

In Wahr­heit hat der Ver­si­che­rungs­neh­mer sein Begeh­ren nach Rechts­schutz von vorn­her­ein mit dem Vor­wurf begrün­det, der Lebens­ver­si­che­rer bestrei­te ver­trags- und ins­be­son­de­re euro­pa­rechts­wid­rig sei­ne Berech­ti­gung, dem Abschluss des Lebens­ver­si­che­rungs­ver­tra­ges noch zu wider­spre­chen. Zwar ist die­se Wei­ge­rung vom Lebens­ver­si­che­rer erst mit des­sen Schrei­ben vom 10.08.2010 kon­kret erklärt wor­den und lag mit­hin im Zeit­punkt des an die Rechts­schutz­ver­si­che­rung gerich­te­ten ers­ten Ver­lan­gens nach Ver­si­che­rungs­schutz noch nicht vor. Der Ver­si­che­rungs­neh­mer hat­te aber wie sich sei­nem Leis­tungs­ver­lan­gen ent­neh­men lässt mit einer sol­chen Ableh­nung des Lebens­ver­si­che­rers fest gerech­net, weil Lebens­ver­si­che­rer häu­fig so ent­schie­den, und sie des­halb bereits vorausgesetzt.

Die­ser dem Lebens­ver­si­che­rer ange­las­te­te Ver­stoß liegt in ver­si­cher­ter Zeit.

Der Rechts­kon­flikt war bei Abschluss des Lebens­ver­si­che­rungs­ver­tra­ges im Jah­re 1995 noch nicht im Sin­ne der vor­ge­nann­ten Bun­des­ge­richts­hofs­recht­spre­chung und des BGH-Urteils vom 19. Novem­ber 2008 [6] vor­pro­gram­miert. Der Ver­si­che­rungs­neh­mer ver­folgt einen Berei­che­rungs­an­spruch, der erst mit Aus­übung sei­nes Wider­spruchs­rechts aus § 5a Abs. 1 VVG a.F. ent­stan­den sein kann. Dass der Lebens­ver­si­che­rer bei Ver­trags­schluss euro­pa­recht­li­che Vor­ga­ben miss­ach­tet und bei Über­sen­dung der Ver­si­che­rungs­po­li­ce nicht ord­nungs­ge­mäß über das Wider­spruchs­recht belehrt hat­te, wirft der Ver­si­che­rungs­neh­mer ihm nicht als Pflich­ten­ver­stö­ße vor, die ähn­lich einer Scha­dens­er­satz­leis­tung durch eine Ersatz­leis­tung des Ver­si­che­rers kom­pen­siert wer­den müss­ten. Dem Ver­si­che­rungs­neh­mer geht es auch nicht dar­um, nach­träg­lich die Über­ga­be der bei Ver­trags­schluss ver­miss­ten Ver­brau­cher­infor­ma­tio­nen durch­zu­set­zen, er möch­te viel­mehr den Ver­si­che­rungs­ver­trag rück­ab­wi­ckeln [7] und dazu gel­tend machen, ihm sei das wegen Ver­trags­ab­schlus­ses nach dem Poli­cen­mo­dell gemäß § 5a Abs. 1 VVG a.F. eröff­ne­te Gestal­tungs­recht (Wider­spruchs­recht) erhal­ten geblie­ben. Unter Zugrun­de­le­gung die­ses Vor­tra­ges liegt der dem Lebens­ver­si­che­rer ange­las­te­te Pflich­ten­ver­stoß erst im Bestrei­ten der Fort­gel­tung die­ses Widerspruchsrechtes.

Aus den vor­ge­nann­ten Grün­den haben die Umstän­de des Ver­trags­schlus­ses (hier: im Jah­re 1995) den für den Ver­si­che­rungs­fall maß­geb­li­chen Pflich­ten­ver­stoß auch nicht in dem Sin­ne „aus­ge­löst“, dass bereits die ers­te Stu­fe der Ver­wirk­li­chung der Gefahr einer recht­li­chen Aus­ein­an­der­set­zung erreicht gewe­sen wäre. Die Rechts­schutz­ver­si­che­rung ist des­halb auch nicht auf­grund des in § 4 (3) Buchst. a) ARB 2004 gere­gel­ten Haf­tungs­aus­schlus­ses, der kei­ne zusätz­li­che Defi­ni­ti­on des Rechts­schutz­fal­les ent­hält [8], leis­tungs­frei [9].

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 24. April 2013 – IV ZR 23/​12

  1. Fort­füh­rung von BGH, Urtei­le vom 19.11.2008 – IV ZR 305/​07, VersR 2009, 109 Rn.2022; vom 28.09.2005 – IV ZR 106/​04, VersR 2005, 1684 unter I 2 und 3; BGH, Beschluss vom 17.10.2007 – IV ZR 37/​07, VersR 2008, 113 Rn. 3 und 4; sowie BGH, Urteil vom 19.03.2003 – IV ZR 139/​01, VersR 2003, 638 unter 1[]
  2. BGH, Urteil vom 28.09.2005 – IV ZR 106/​04, VersR 2005, 1684 unter I 2 und 3[]
  3. BGH, Beschluss vom 17.10.2007 – IV ZR 37/​07, VersR 2008, 113 Rn. 3 und 4[]
  4. vgl. BGH, Beschluss vom 17.10.2007, aaO; BGH, Urteil vom 19.03.2003 – IV ZR 139/​01, VersR 2003, 638 unter 1 a[]
  5. vgl. dazu auch BGH, Urteil vom 19.03.2003 aaO[]
  6. BGH, Urteil vom 19.11.2008 – IV ZR 305/​07, BGHZ 178, 346 Rn.20 ff.[]
  7. vgl. dazu Wendt, r+s 2008, 221, 226[]
  8. vgl. dazu BGH, Urteil vom 28.09.2005 – IV ZR 106/​04, VersR 2005, 1684 unter I 3 e[]
  9. vgl. dazu BGH, Beschluss vom 17.10.2007 – IV ZR 37/​07, VersR 2008, 113 Rn. 4[]